Quelle: Wirtschaftskammer Biel-Seeland
Biel bezeichnet sich zu Recht als Weltzentrum der Uhrenindustrie. Entsprechend gross ist das uhrmacherische Know-how. Doch profitieren von diesem Wissen auch Firmen, die nicht direkt in der Uhrenbranche tätig sind? Durchaus, wie eine WIBS- Recherche zeigt.
Die Firma Hy-Tech in Biel hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Als 1992 die Honeywell AG ihre Zelte in Biel abbricht und ihre Produktion nach Schottland verlegt, entschliesst sich das Management, ein neues Unternehmen für sogenannte induktive Näherungsschalter zu gründen. Die dabei angewandte Mikrosystemtechnologie bestimmt den Firmennamen: Hybrid-Technologie AG. Nach dem Umzug nach Brügg, nach diversen Betriebserweiterungen und dem Aufbau eines Standbeins in China, zählt die Hy-Tech heute total rund 90 Mitarbeitende und ist unter anderem führend in Entwicklung und Bau von miniaturisierten Sensoren.
Spielte bei dieser Erfolgsgeschichte, die von der Uhrenindustrie geprägte Unternehmenslandschaft der Region Biel eine Rolle? „Eindeutig“, bejaht CEO Marc Eggimann, „wir profitieren definitiv von diesem Know-how!“ Obwohl die Hy-Tech nichts mit der Uhrenindustrie verbindet, sind Kontakte zu in der Uhrenindustrie gross gewordenen Firmen von zentraler Bedeutung. Sei es als Zulieferer oder als Technologiepartner. So arbeiten zum Beispiel Automationshersteller, die sonst vorwiegend für die Uhrenindustrie tätig sind, auch im Auftrag des Brügger Sensor-Spezialisten. Aber auch spezielle mechanische Teile bezieht die Hy-Tech von Zulieferern aus der Uhrenbranche.
Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt
Die Verwandtschaft mit der Uhrenindustrie zeigt sich auch bei den Fachkräften, auf welche die Hy-Tech angewiesen ist. „In Produktion und Montage haben wir dieselben Ansprüche wie beispielsweise Rolex“, sagt Marc Eggimann. „Wir brauchen Leute, die mit feinster manueller Arbeit vertraut sind.“ Als Rolex vor einigen Jahren in Biel ein neues Werk eröffnete, wurde die Mitarbeitersuche für die Hy-Tech deshalb schlagartig schwieriger.
So kann sich die Nähe zur Uhrenwelt denn mitunter als zweischneidiges Schwert entpuppen: Einerseits profitieren Firmen wie die Brügger Hy-Tech vom Dank der Uhrenindustrie und ihren Zuliefern gut ausgebildeten Personal in der Region. Andererseits leiden sie auch unter der Konkurrenz um qualifizierte Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt.
Traditionelles Know-how neu nutzen
Auch die Firma SPT Roth in Lyss profitiert vom Wissen der Uhrenindustrie – historisch gesehen zumindest. Bis in die 1980er Jahre war das Unternehmen als Hersteller von Uhrensteinen selbst Teil der Branche. Doch dann kam es zum Bruch. „Im Zug der grossen Konzentration bei der ASUAG, der heutigen Swatch Group, wurden wir richtiggehend aus der Uhrenindustrie verdrängt und verloren unsere Kundenbasis“, sagt Peter Glutz, CEO der SPT Roth Gruppe. „Wir liessen uns nicht wie viele andere Zulieferer aufkaufen und mussten uns deshalb nach neuen Produkten und Märkten umsehen.“
Eine unangenehme Situation, die leicht zur Existenzbedrohung hätte werden können. Doch die SPT schaffte es, ihr über Jahrzehnte erarbeitetes Know-how neu zu nutzen. „Wir wussten vom Steinebohren für die Uhrenindustrie her, wie man feinste Bohrungen macht“, erzählt Peter Glutz, „das half uns bei der Entwicklung von neuen Produkten.“ Der vor die Tür gesetzte Uhren-Zulieferer stellte schliesslich als weltweit erstes Unternehmen Werkzeuge für die Verdrahtung von Golddrähten in der Elektronikindustrie her. Diese sogenannten Chip Bonding Tools sind noch heute ein erfolgreiches Geschäftsfeld der Bieler Spezialisten für Präzisionswerkzeuge - der Firmenname SPT steht für Small Precision Tools.
Uhrenindustrie nützt der Region direkt und indirekt
Eine kleine Zwischenbilanz zeigt: Firmen in der Region Biel-Seeland profitieren durchaus von der fachlichen und geographischen Nähe zur Uhrenindustrie, auch wenn sie nicht direkt mit ihr zusammenarbeiten. Ob sie selbst nie Teil der Branche waren, oder sich notgedrungen nach anderen Kunden und Partnern umsehen mussten, beleibe dahingestellt.
Neben den Vorteilen die gemeinsame Zulieferer und ähnliche Personalbedürfnisse bieten, wirkt sich die Nachbarschaft zur Uhrenindustrie noch in einem dritten Fall positiv aus: Sie stellt auch in ein gutes Verkaufsargument dar. „Wir profitieren zwar nicht direkt vom Know-how der Uhrenindustrie, können aber an das Image von höchster Präzision und Qualität anknüpfen, das die Schweizer Uhren weltweit geniessen“, erklärt Roger Plüss, stellvertretender Geschäftsleiter der Firma Digmesa in Ipsach. Das Unternehmen stellt Präzsions-Durchflussmessgeräte her mit denen Wein und Bier, aber auch Fruchtsäfte und Milch oder flüssige Chemikalien gemessen, überwacht und dosiert werden. „Marketingmässig“, sagt Roger Plüss, „knüpfen wir bestimmt an die Uhrenindustrie an.“
Genau dies tut auch die Sensor-Herstellerin Hy-Tech in Brügg. Auf ihrer Webseite streicht sie ihren Standortvorteil deutlich hervor. Auf einem speziellen Banner heisst es: „Agglomeration Biel. Zentrum der Schweizer Uhrenindustrie. ‚Silicon Valley’ der Schweiz.“
August 2010